Mittwoch, 25. April 2012

Alles in einen Koffer



Ein goldener Tempel und ein kleiner Junge, der gerne ein Foto mit mir haben wollte (die Kopfbedeckung war uebrigens Pflicht, das nur am Rande). Zugfahren. Mit Delphinen schwimmen. Taj Mahal. Blaue Stadt. Festungsbesuch. Auf Kamelen durch die Wueste. Unterm Sternenhimmel schlafen. Lautes & verstopftes Delhi. Meine Franzi am Flughafen. An der Grenze zu Pakistan. Feiern. In den Bergen beim Dalai Lama, ohne Dalai Lama. Indische Fahnen und schwere Rucksaecke. Berge. Ueberquellende Schoenheit. Frische Luft, Baeume, Wurzeln. Mitten drin. Und meine Reise durch Nordindien geht noch einen Monat weiter...

Mittwoch, 4. April 2012

Flohzirkus

Herr B. hat mal gesagt, dass Theodor Fontane gesagt hat, dass Abschiedsworte so kurz sein muessen, wie eine Liebeserklaerung. Ich sage: Macht euch eine schoene Zeit, nehme sie alle in den Arm, winke, bis sie weg sind und ohne Worte, ohne Ton, lege ich ihnen meine Liebe vor die Fuesse.
Die Waisenhauskinder sind am Freitag in die zwei monatigen Sommerferien gegangen, zu ihren Familien (denn sie sind alle keine Vollwaisen, haben noch mindestens ein Familienmitglied, zu dem sie in den Ferien gehen koennen) - ohne das Wissen, dass sie nicht zurueckkommen werden ins Banyan, weil Jeny und Rajesh das Waisenhaus abschieden werden.

Meine Abschiedworte waren kurz, meine Gefuehle ganz schoen gross und ich kann mir nicht vorstellen, dass es das gewesen sein soll (vier Monate, bevor ich dieses wunderschoene Land verlassen muss). Ich weiss nicht, wie viel ich euch von meinem Inneren zeigen moechte, wie maechtig und ausdrucksvoll Worte sein koennen, um zu beschreiben, was da in mir vorgeht. Ich liege auf den leeren Betten im Jungszimmer, mit meinem Kopf in Erinnerungen wie wir hier zusammen lagen, finde eine Murmel und stecke sie ein.
Ich habe ganz viel Zeit und Energie und Herz in dieses Projekt und in diese Kinder gesteckt, habe ihnen gegeben, was ich konnte (und viel, viel zurueckbekommen) und nun sind sie weg. Das Banyan ist gross und leer und leise.
Ich werde sie wiedersehen, werde sie in den Waisenhaeusern besuchen, in die sie ab Juni kommen, aber es ist nicht das gleiche. Nicht so innig, nicht mehr so intensiv und schoen.

Als Vinod und Ram am Freitag von ihrem Vater abgeholt wurden, sind wir mit dem Motorrad hinter ihnen her und zu ihnen nach Hause gefahren, denn ihr Vater hatte uns fuer den Tag eingeladen. Wir kommen an einem grossen Gebaeude an, mit vielen Stockwerken und Wohnungen, unten ist eine umzaeunte Garage, da parken die Autos und Motorraeder der Hausbewohner, von da fuehrt eine Treppe und ein Aufzug zu den oberen Etagen und Wohnungen. Ihr Vater ist Aufpasser, macht das Tor auf, wenn ein Auto kommt, wacht in der Nacht - und woht an seinem Arbeitsplatz. Ram und Vinod, ihr Vater und ihre Mutter und ihre beiden kleinen Schwestern wohnen in einer Niesche unter der Treppe, in der ich nicht aufrecht stehen kann und in der ich beide Waende beruehren wuerde, wenn ich dir Arme ausstecke. Ihr Leben spielt sich in der Garage oder auf der Strasse ab, sie schlafen auf Matratzen in der Niesche, wo neben einigen Kochtoepfen nur ein kleiner Ventilator und ein Fernseher stehen.
Die Lebenssituation ist krass und auf den ersten Blick sehr traurig, aber ihre Gastfreundlichkeit, ihre freundliche, herzliche Art ueberschuettet mich und schafft eine wunderschoene Atmosphaere. Sie geben uns Trinken und Essen, kaufen fuer uns Chapati - und wir sagen immer, dass das nicht noetig ist, schliesslich sehen wir, wie wenig Geld sie haben. Irgendwann merke ich, wie gerne sie uns all die Dinge anbieten und stelle fest, dass ich ihre Gastfreundlichkeit einfach annehmen muss.
Wir kaufen Baelle fuer die Kinder, mit denen wir auf der Strasse Cricket spielen, und Schokolade - und als der Eismann vorbeikommt, darf sich jeder ein Eis aussuchen. Sie haben nicht viel, aber das was sie haben, teilen sie mit uns und wir verbringen einen wunderbaren Tag zusammen.

Am Sonntag besuchen Johannes und ich Dhakshayani, die UKG Lehrerin der Banyan School. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Toechtern zusammen. Die Wohnung besteht aus einem Zimmer, einer Kueche und einem Bad. Wir sitzen auf Strohmatten auf dem Boden, der Fernseher laeuft und wir werden mit Essen vollgestopft. Es ist ein hinduistischer Feiertag, da irgendein Gott heiratet, um 12 Uhr zuendet Dhakshayani Oellampfen an und wir machen 'Pooja' - sie malt uns Bindis auf die Stirn, wir werfen mit Reis auf das Bild des Gottes, zerbrechen eine Kokusnuss und trinken ihren Saft und die Familie betet zusammen. Auf der Strasse wird zum Anlass Essen und Trinken verteilt, wir stehen in der Menge und ich bin ueberwaeltigt Teil von demhier zu sein.

Johannes hat, als er vor einigen Wochen Paul, einen anderen Freiwilligen, in dessen Projekt besucht hat, eine Zirkusgruppe kennengelernt, die meinten, sie wuerden auch gerne mal in Bangalore zeigen, was sie draufhaben. Also hat Johannes sie samt Zirkuszelt und Koffern mitgenommen und nun leben sie bei uns zu Hause. Wo sie sich in der Matratze, die unsere Couch darstellt, offensichtlich sehr wohl fuehlen.
Ich habe sie schon gefragt, ob sie nicht mal wieder weiterziehen (oder huepfen) wollen, aber wie es aussieht, haben sie zu viel Kundschaft.

Das Haus in dem sie wohnen - unten wo das schwarze Tor ist
Vinod und seine Schwester
Cricket spielen auf der Strasse
Die Familie - nur das kleine Maedchen schlaeft
Ein paar Jungs, die ich auf der Strasse getroffen habe

Montag, 26. März 2012

Von brennenden Betten, kotzenden Kindern und viel zu viel Blut

Verantwortung fuer andere zu uebernehmen, ist manchmal gar nicht so einfach. Trotzdem mache ich es gerne. Aber es gibt Tage (oder Naechte), an denen ich dann auch an meine Grenzen komme...

Die Nacht von Donnerstag auf Freitag:
Johannes und ich schlafen heute bei den Kindern im Banyan, bei den Jungs im Zimmer, versteht sich von selbst. Wir liegen unter einem gigantischen Sternenhimmel, denn die Decke ist ueber und ueber mit Leuchtsternen und -planeten vollgeklebt. Ich liege im ersten Hochbett auf der linken Seite im unteren Bett, Ram streckt seinen Kopf von oben runter und fluestert: "Kann ich mich zu dir legen?" Ich laechel, er klettert zu mir runter, legt sich ganz dicht an mich dran und nimmt mich in den Arm.
"Mio Anna, kannst du eine Gutenachtgeschichte erzaehlen?", fragt mich Vinod. Die meisten Jungen liegen mit ihren Decken auf dem Boden oder unter den Betten, weil es da am kuehlsten ist (und ich muss auch feststellen, dass der Raum sich bei so vielen Menschen, schnell aufheizt). "Wir koennen zusammen eine Geschichte erzaehlen. Jeder erzaehlt dort weiter, wo der andere aufgehoert hat." Also erzaehlen Vinod, sein Bruder Ram und ich eine Geschichte, die sich immer mehr ins Absurde steigert.
Es gibt nur einen Moskitokeul, das ist eine Spirale, die man anzuenden muss und die dann langsam abbrennt, wobei Rauch entsteht, der die Muecken fernhaelt. Die Kinder spielen damit rum, Sunil und Anand fackeln Zeitungspapier an und ich finde es erstaunlich, wie einfach (und unkontrolliert) sie mit Feuer spielen koennen. Das hier ist sicherlich nicht das erste mal, denn sobald sie in die Betten gehen, sind sie fuer sich allein.
Der Raum ist voller Rauch und Kinderstimmen, Baby Sunil liegt im Bett gegenueber von mir, schlaeft schon, er hat Fieber. Ram geht zu ihm hin, deckt ihn richtig zu, dann ist Schlafenszeit. Doch bevor wir einschlafen stellt Johannes, der im Bett hinter mir liegt, fest, dass das Metallgeruest meines Hochbetts extrem heiss ist - und dass die Matratze, auf der Ram und ich liegen, Feuer gefangen hat. Durch runtergefallene Asche ist wohl das Plastikstroh, mit dem die Matratze gefuellt ist, angebrannt. Wir loeschen die Glut, meine Fuesse liegen jetzt im Nassen.
Ein Leuchtplanet ist von der Decke gefallen, Ram hat ihn sich auf die Stirn geklebt, es sieht aus wie ein Bindi. Ich liege neben ihm und schaue eine Weile lang sein Gesicht an: die weichen Zuege, die dunkle Haut, der leuchtende Punkt auf der Stirn und der friedliche Ausdruck. Dann schlafen wir ein.
Um halb 12 wache ich davon auf, dass Baby Sunil neben sein Bett kotzt. Vinod, der auf dem Boden liegt, und Johannes wachen auch auf. Ich gehe mit Baby Sunil ins Badezimmer, wo er sich waschen kann. "Wir koennen die Kotze erst morgen frueh aufwischen", erklaert Vinod. "Hier oben gibt es keinen Wischmob - der ist unten und da duerfen wir nicht hin. Wenn Tata uns erwischt (der unten schlaeft), gibt es hoellenaerger."
Johannes und ich schleichen runter, auf Zehenspitzen, damit uns niemand hoert, und holen den Wischmob (ohne, dass Tata uns bemerkt). Ich frage mich, was Vinod machen wuerde, wenn wir nicht da waeren. Baby Sunil uebergibt sich in dieser Nacht noch weitere zwei Male, ich wecke Bhagya, die im Maedchenkorridor ihr Zimmer hat, sie besorgt eine Kotz-Tablette und Glucose, das sie in Wasser aufloest. Baby Sunil wimmert, zuckt, schlaeft vor Erschoepfung immer wieder ein, ist total fertig.
Wir ziehen mit ihm eine Etage tiefer in den "1. Standard" Klassenraum, wo die Ventilatoren gut funktionieren, damit er abkuehlen kann. Vinod und ich tragen Matratzen mit runter, Johannes legt sich auf eine Matratze auf den Boden, Vinod und ich teilen uns eine. Waehrend Baby sofort einschlaeft und Johannes auch bald wegpennt, ist fuer uns an Schlaf nicht zu denken. Dafuer sind wir zu wach. Also liegen wir da, schauen an die dunkle Decke und unterhalten uns. Ich erzaehle Vinod, wie das ist, wenn man im Flugzeug sitzt, dass man keine Angst vor dem Abstuerzen haben muss, wie es im Bauch kribbelt, wenn die Baeume und Haeuser unter einem immer kleiner werden und wie man sich ein Visum besorgt, um in andere Laender zu reisen. Er erzaehlt mir, dass er spaeter mal mit seinem Papa fliegen moechte, am liebsten nach Deutschland, Australien und England. Und dann erzaehlt er mir, dass er schon seit sieben Jahren im Lovedale Waisenhaus ist, seine Stimme ganz nah an meinem Ohr, und packt Geschichten aus den letzten Jahren seines Lebens aus. Es ist wunderbar! Gegen 2 Uhr nachts sage ich, dass es jetzt mal an der Zeit ist zu schlafen. Augen zu.

Samstag (der letzte vor den Sommerferien):
Da am Freitag Feiertag war (das hindusitische Neujahrsfest, Ugadi), steht fuer die Waisenhauskinder am Samstag eine Pruefung in der Schule an. Ich fahre sie morgens mit den oeffentlichen Verkehrsmitteln hin und hole sie zwei einhalb Stunden spaeter wieder ab.
Der Bus faehrt uns in den Nachbarort Doddagubbi, von wo aus wir zehn Minuten bis nach Anagalpura laufen muessen und von dort noch mal zehn Minuten bis zum Banyan. Von Doddagubbi bis Anagalpura fuehrt eine lange, asphaltierte Strasse, die die Kinder schon hunderte male gegangen sind, ich passe auf 15 Kinder auf, einige laufen etwas weiter vorne, andere hinter mir, ich schaue immer wieder nach allen und rufe, wenn ein Fahrzeug kommt.
Die Strasse macht eine Kurve, neben der Baeume stehen, sodass man nicht sehen kann, was dahinter passiert. Als ich um die Kurve laufe, sehe ich, dass die Kinder vorne stehen geblieben sind, ein Motorrad steht bei ihnen, irgendwas ist passiert, ich renne hin. Pawan (9) schreit und weint, seine Beine sind aufgeschrabbt und sein ganzes Gesicht ist voller Blut. SCHOCK! Was soll ich tun? - ich habe nicht gesehen, was passiert ist, weiss nicht, wo genau er verletzt ist, aber er muss dringend ins Krankenhaus. Gleichzeitig habe ich noch 14 andere Kinder, auf die ich eigentlich aufpassen muss und die ich nicht alleine nach Hause laufen lassen kann. Ich sage den aelteren, dass sie dafuer sorgen sollen, dass alle sofort zum Banyan gehen (ich glaube, dass sie diese Verantwortung tragen koennen, die Nacht im Banyan bei den Jungs, hat mir noch mal gezeigt, wie viel Verantwortung diese Kinder in ihrem alter schon uebernehmen), dann steige ich mit Pawan auf das Motorrad, Blut tropft auf meine Hose, und der Fahrer bringt uns zurueck nach Doddagubbi ins Krankenhaus.
Das Krankenhaus besteht aus einem einzigen Raum, in dem zwei Betten stehen mit zerschlissen Vorhaengen drum herum. Nichts darin wirkt wirklich steril, der einzige Arzt presst ein "Oh god" hervor, als er den blutueberstroemten Pawan sieht, behandelt ihn ohne Handschuhe und kippt nur irgend eine Fluessigkeit ueber seine Arbeitsinstrumente, um diese keimfrei zu machen. Ich rufe Bhagya an, die so schnell wie moeglich kommt. Ich halte Pawans Hand. Ich versuche ihn zu beruhigen.
Er ist vor das Motorrad gerannt, das uns ins Krankenhaus gefahren hat, seine Nase ist geschwollen und er hat eine Platzwunde auf der Stirn - daher das ganze Blut. Es muss genaeht werden und waehrend er vor Schmerzen weint und ich sein Bein streichel, ueberlege ich, ob ich den Unfall haette verhindern koennen, ob ich haette da sein muessen.
Verantwortung zu uebernehmen und Entscheidungen zu treffen - die richtigen Entscheidungen zu treffen -, fuer andere, ist nicht einfach. Ich haette Pawan nicht davor bewahren koennen, was passiert ist, dafuer sind es zu viele Kinder um mich rum gewesen, dafuer passieren solche Sachen leider immer wieder und hundertfach am Tag.
Der "Kleine" hat jetzt einen Kopfverband und mit ein bisschen Fantasie sieht er aus wie ein orientalischer Prinz - mit einer dick geschwollenen Nase! Aber nach einer ordentlichen Muetze Schlaf, konnte Pawan auch schon wieder lachen!
"In Deutschland laesst man mindestens zwei Erzieher mitgehen, wenn es einen Schul- oder Kindergartenausflug gibt", sagt mein Papa, als ich ihm die Geschichte erzaehle. Indien funktioniert, das stelle ich mal wieder fest, in vielen Sachen eben anders.

Montag, 19. März 2012

another camp fire

Das letzte Wochenende. Es kommt, das letzte Wochenende, bevor die grossen Sommerferien anfangen, alle Kinder das Banyan verlassen, nach Hause fahren, und nicht mehr wiederkommen werden. Das letzte Wochenende kommt - und es ist schon gewesen. Da heute die Abschlusspruefungen in der Schule anfangen (neun Tage lang Tests), hatten wir jetzt das letzte Wochenende, an dem wir uns noch mal Programm fuer die Kinder ueberlegen konnten. Und weil sie staendig von dem Lagerfeuer reden, das wir mal gemacht haben und von dem salzigen Stockbrot, haben wir am vergangen Samstag Abend noch mal das Holz brennen lassen! Sunil sass eine dreiviertelstunde einfach nur da und hat in die Flammen geschaut und waehrend uns Muecken um die Ohren gesurrt sind, haben wir uns zu ihm gesetzt, alle gaz nah beieinander. Baby Sunil hat sich in meinem Schoss zusammengerollt, Pooja ist unter meinen Arm gekrochen.
Am Wochenende war das Banyan voll von rauchenende Koepfen, die Kinder sassen auf ihren Betten, an den Tischen in der Dining Hall, in den Ecken der Raeume und haben gelernt, ihre Nasen in ihre Buecher gesteckt und sich gegenseitig abgefragt. Die Momente waren magisch, das waren sie wirklich. Ihre Stimmen laut und doch war alles ruhig, alles ganz konzentriert.
Waehrend sie lernten (und ich sie zwischendurch immer wieder abgefragt habe), habe ich Luftballons mit Suessigkeite gefuellt und beschriftet: "Good luck for your exams." Jedes Kind hat seinen eigenen Luftballon und Schokoladenkekse bekommen - einige von ihnen haben die Luftballons heute morgen in ihrer Schultasche mitgenommen. Moegen sie ihnen tatsaechlich Glueck bringen!
Ich merke, selbst, wenn es jetzt aufs Ende zugeht (auf welches Ende eigentlich?), wie intensiv und innig der Kontakt zu diesen Kindern ist.